
KUNSTTHERAPIE
Kunsttherapie
Impulse der bildenden Kunst
Die Kunsttherapie gibt die Möglichkeit, selbst kreativ zu sein und die Krankheit zu verarbeiten. Sie erlaubt es, sich auszudrücken ohne sprechen zu müssen. Malen und kreatives Gestalten fördert die Entlastung mit sehr positiven Auswirkungen auf die Lebensqualität und den Heilungsprozess vieler Patienten.
Frau Wallner, unsere Kunsttherapeutin, begleitet das Angebot. Sie berät Patient:innen bei der Materialauswahl, damit sie auch außerhalb der Therapiezeiten selbstständig arbeiten können. Die Kurse finden in kleinen Gruppen oder mit der Therapeutin alleine statt. Sämtliche Materialien werden bereitgestellt.
In einem Interview erklärt Kerstin Wallner die Kunsttherapie in der Fachklinik Sylt

Ihr Kunstatelier ist großartig geworden. Die hübschen Fische habe ich schon auf Social Media entdeckt. Stimmt es, dass dieses Stimmungsfische sind?
Ja, genau. Ich nenne sie immer meine Gefühlsfische. Sie sind aus dem Buch „Heute bin ich“ (Autorin Mies van Hout, Aracari-Verlag).
Die Kinder, die zu Ihnen kommen, können sich dort einen Fisch aussuchen und Sie sehen dann, ob das Kind fröhlich oder auch traurig ist?
Mit 6- bis 11-Jährigen schaue ich mir zuerst die Fische an und frage, was an den Fischen auffällt. Sie benennen dann verschiedene Formen und Farben. Oft wissen Kinder schon: „Ah, sie haben verschiedene Gefühle“.
Dann gehe ich auf die Gefühle ein und manche sagen mir gleich: „Der da schaut traurig aus.“
Da frage ich dann: „Welcher Fisch sieht denn so aus, wie es dir gerade geht.“ Manche Kinder nehmen nur einen Fisch. Andere Kinder haben große Schwierigkeiten ein Gefühl zu beschreiben. Es kann dann schon vorkommen, dass mehrere Glücklich-Fische ausgewählt werden, um das Gefühl detaillierter zu beschreiben. Dann sehe ich, wie die Kinder Gefühle interpretieren.
Warum haben Sie die Kunsttherapie gewählt?
Ich male schon seit Kindertagen gerne und habe über die vielen Jahre auch so meine Lebensbewältigungen gehabt und gemerkt, dass mir das Malen einfach guttut. Ich habe dann für mich persönlich einen Grundlagenkurs in der Kunsttherapie besucht. Dieser hat mein Leben bereichert und ich habe gemerkt, dass ich mich mit künstlerischem Ausdruck gut umsorgen kann. Dort habe ich erkannt, dass das Malen sehr viel mit mir selbst zu tun hat. Es geht nicht um das „gut Malen“-Können, sondern um den Gefühlsausdruck dabei.
Für die Ausbildung muss man Talent mitbringen. Wo ist Ihr Steckenpferd?
Mein Maltalent? Tatsächlich male ich gerne Bilder, die eher sehr abstrakt sind. Das bevorzugte Medium dafür ist die Flüssigfarbe. Ich liebe Abklatschbilder oder Tropfbilder. Diese Bilder mache ich auch gerne in einem niederschwelligen Rahmen mit den Kindern. Klecksbilder regen bei den Kindern die Fantasie an. Dort schauen wir, was in dem Bild steckt, um es dann anschließend detailliert zu gestalten bzw. auszumalen.
Wie kann man sich Kunsttherapie vorstellen? Wie läuft es ab?
Meist bekomme ich über die Ärzte eine Anforderung und einen konkreten Hinweis zum Thema des Kindes / Jugendlichen. Dann weiß ich, dass es z.B. um Selbstbewusstsein geht oder um Sozialverhalten, um Ängste oder Aggressionen. In der ersten Einheit suche ich etwas, wo die Kinder und Jugendlichen mit Farb-Material gestalten können. Sie sollten sich sicher fühlen, wie vor allem mit festen Farben. Meine Beobachtungen sind dann: Wie malt das Kind? Was malt das Kind? Wie verhält es sich dabei? Bei Jugendlichen gestalte ich dann das nächste Mal prozessorientiert weiter, so wie sich die Situation ergibt.
Es gibt auch begleitete Kinder. Ist da eine Partnerarbeit mit der Mutter oder dem Vater möglich?
Ja. Einmal hatte ich einen Jungen bei mir, bei dem die Beziehung zur Mutter ein wenig angespannt war. Ich bat ihn, zur nächsten Sitzung die Mutter mitzubringen. Dort haben wir dann zu Dritt das Dialogische Malen genutzt. An der Tür wurde ein Riesenplakat aufgehängt und mit Acryl und Handwerkmaterialen ein Werk erschaffen. Auch bei Geschwisterrivalität ist es eine gute Strategie. Partnerarbeiten sind manchmal notwendig und sinnvoll.
Stimmt es, dass im Kunstwerk meist schon die Lösung liegt?
Es ist sehr schwierig, sich gleich festzulegen und es besteht auch ein wenig die Gefahr dabei, dass man zu viel hineininterpretiert. Der Prozess entscheidet, wo es hingeht – mit dem Patienten / der Patientin zusammen. Man sollte immer die Resonanz der Patienten aufgreifen und damit weitergehen.
Kinder und Jugendliche können in der Regel vier- bis sechsmalig an dem Therapie-Setting teilnehmen – da kann man dann zusammen in eine Richtung schauen und gehen.
Bei kleineren Kindern findet überwiegend ein heilpädagogisch-kunsttherapeutischer Prozess statt. Das heißt, dass man über die ganzheitliche Sichtweise, also neben der emotional / sozialen Entwicklungsbeobachtung, auch auf die funktionalen Fähigkeiten und Fertigkeiten wie Feinmotorik, Konzentration / Ausdauer, u.s.w. einen förderlichen Einfluss haben kann.
Wichtig ist, wie man zur Lösung kommt. Sozusagen: „Der Weg ist das Ziel“. Zu mir kam mal ein Kind mit Trennungsschmerz. Der Bruder ist weggezogen. Es hat sich nach der ersten Einheit herausgestellt, dass es um eine Schuldfrage ging. Wenn man das als Lösung betrachtet, dann hat man schon einen Lösungsansatz. Aber da wurde noch nicht von Aufarbeitung gesprochen oder etwas dazu beigetragen. Da „Lösung“ aber eher endgültig ist und viele Faktoren zusammen eine Rolle spielen, halte ich mich eher zurück.
Ab welchem Alter ist die Kunsttherapie sinnvoll?
Hier in der Klinik sehe ich für 2-3-Jährige die kunsttherapeutischen Interventions-Methoden noch nicht für möglich. Da ist Ergotherapie die bessere Wahl, da man eben dann auf Entwicklungsprozesse beobachtend und intervenierend gut eingehen kann. Ich würde sagen, bei Kindern ab fünf / sechs Jahren kann ich in ihrem Verhalten deutlicher erkennen, dass in der emotionalen und kognitiven Wahrnehmung Verknüpfungen stattfinden können. Es ist aber, wie gesagt, eher ein heilpädagogisch-kunsttherapeutischer Prozess. So ab 11-12 Jahren gehe ich dann ins kunsttherapeutische Setting, wo ich dann wirklich therapeutische Fragestellungen und Reflexionen nutzen kann. Aber auch immer unter Berücksichtigung vom Entwicklungsstand und Verhalten des Kindes.
Kunsttherapeutisches Setting?
Ich wende dann Methoden oder einen Verlauf an, wo sich der Jugendliche kognitiv und reflektierend, mit sich auseinandersetzen könnte. Fragestellungen wie z.B. „Was würde ich malen, wenn …“ „ich frech sein dürfte“ oder „ich Angst habe“. Also über einen dritten Zugangsweg, über den sich die Jugendlichen wirklich persönlich und bewusst auseinandersetzen sollten.
Es gibt z.B. Methoden, da werden mehrere Bilder jeweils über einen kurzen Zeitraum von einigen Minuten gemalt. Vor allem da, wird intuitives Malen angeregt. Oft sind beim kognitiven Malen die Jugendlichen verunsichert: „Ich kann nicht malen, ich brauche meinen Radiergummi …“. Intuitiv ist es für sie schon eher schwieriger, weil es aus dem Bauch kommt und keine Normen hat. Wenn die Bilder fertig sind, machen wir Bildbetrachtungen über mental-basierte Fragestellungen. Hier ist auch eine prozessorientierte Weiterarbeit möglich. Beim nächsten Mal kann man noch über Methoden, wie etwas ergänzen oder ausschneiden oder hin-zoomen und noch andere, weiter überlegen.
Man kann also den therapeutischen Weg immer weiterlaufen?
Ja und ich mache es dann oft so, dass am Ende zum Beispiel eine Zusammenfassung gemacht wird, wie „Was nimmst du jetzt hier alles aus der Reha mit, dass du an deinem Heimatort weiter gebrauchen kannst und dir guttut?“ Ich rege dann eine Collage an. Der Jugendliche paust auf Transparentpapier aus all seinen gestalteten Bildern die Dinge, die er mit nach Hause nehmen möchte und gestaltet damit sein Plakat auf einem anderen Papier. Z.B. wurde darauf als Hintergrund ein Rucksack gemalt oder die vertraute Wohlfühlbank von daheim oder eine Insel als Wohlfühl-Oase und dann die übertragenen Motive ausgeschnitten und auf das Plakat angeordnet und darauf geklebt. Ich frage dann auch, warum es ihm / ihr wichtig ist.
Wäre das auch eine Alternative für zu Hause?
Meine Angebote eignen sich auch für zu Hause. Mit jüngeren Kindern mache ich gerne eine Glücklich-mach-Punkte-und-Herzen-Tüte. Zuerst geht es um das Funktionelle. Mit Tropffarben gestaltet man Farbflächen – ganz ohne Kontrolle. Wenn das Kind ein Herz oder einen Punkt austropft, benennt das Kind, welcher glückliche Moment damit verbunden wird. Dann wird der Moment ausgetropft z.B. „…mit Papa immer kuscheln …“. Danach wird es ausgeschnitten. Wir basteln noch eine Zuckertüte, die als Herberge für die Glücksmomente dient. Das ist Ressourcenarbeit. Ich rege es auch bei den Eltern an, zuhause weiterzumachen. Die Kinder sollen nachhaltig etwas mitnehmen, was ihnen guttut und womit sie sich weiter umsorgen können.
Ich habe noch ein „Ich-Buch“ selber entworfen, bei dem es um Biografie-Arbeit geht, um sich als Person bewusster wahrzunehmen, also „Ich, meine Fähigkeiten, Hobbys, meine Familie, mein Umfeld, …. Oder auch ein „Klecks-Buch“, in dem sind auf vielen Seiten bunte Kleckse, die das Kind mit Fantasie weitermalen kann. Da geht es um die Gestalt-Wahrnehmung. Und gerade für Jugendliche habe ich noch ein „Mal-Tagebuch“ vorbereitet, um, vielleicht täglich, jeweils ein Bild des Tages zu malen, wie man mag. Ich vergebe die Bücher nach meinem Ermessen, bei wem ich welches für geeignet empfinde oder auch nicht. Wenn während den Kunsttherapie-Einheiten genügend Zeit-Spielraum ist, binde ich das jeweilige Buch mit dem Kind zusammen.
Wo liegen die Risiken? Sind Missverständnisse möglich?
Ich kann nie wissen, was das Kind / der Jugendliche sagen möchte. Sicherlich habe ich Tendenzen. Es sollte auch eher eine Beobachtung und Beschreibung sein, als eine Interpretation, so dass ich das Kind oder den Jugendlichen „spiegeln“ kann, damit eigene Antworten oder Begründungen genannt werden können. Ich versuche das Kind / den Jugendlichen beim Malen am Bild zu motivieren.
Wie die Einheit beim Kind / Jugendlichen nachwirkt, kann man nie sagen. Wenn ich das Gefühl habe, dass Kind / der Jugendliche geht mit einem unguten Gefühl aus der Sitzung, nehme ich mir immer die Zeit und wir besprechen das Gefühl nach. Ich habe auch mal ein Kind ein Wutbild malen lassen, weil etwas bei ihm hochkam. Das hat dann für Entlastung gesorgt und das Kind konnte gut aus der Sitzung gehen.
Wutbild. Das klingt sehr abstrakt. Wie malt man ein Wutbild?
Wutbilder kann man auf verschiedene Art machen. Angestaute Energien kann man unterschiedlich herauslassen. Platz und Bewegung geben dafür Raum, auch gestaltet sich ein Wutbild im Stehen besser. Ich hatte eine Jugendliche, die mit Fingerfarben gestaltet hat. Das Sensorische fand ich wichtig. Einfach Farben zu nehmen und diese frei zu verstreichen. „Ich darf das und das muss jetzt raus…“.
Eine andere Jugendliche wollte nicht mehr die brave Tochter sein. Sie fragte gleich, ob sie mit den Händen malen dürfte. Man braucht dann auch eine große Fläche und das Mädchen hat sich mit Mal-Werkzeug, wie Schwämmchen, Spachteln, Rollen und breiten Pinseln ausprobiert. Beim Wutbild braucht es gröbere Materialien, so dass man sich ausagieren kann. Man kann auch Farben nehmen, die man nicht mag. Sie hat braun und schwarz genommen – na und – das soll raus und soll so sein. Dann knallrot. Es gibt keine Grenzen beim Wutbild. Nach dem Trocknen war es bunte Fläche und das wurde dann zum Hintergrund ihrer Collage. Aus ihren anderen Bildern hat sie dann Teile herausgenommen und darauf angeordnet. Ein Teil der vorherigen Bilder, mit depressiven „Gedanken“ hatte vor dem Wuthintergrund eine ganz andere Wirkung und dann kann ich fragen: „Wie wirkt es jetzt für dich?“ Es wirkt dann viel energievoller. Da geht es ums Ausagieren.
Bei Kindern, wo es um Aggressionen und Wut geht, mache ich auch z.B. Zerknüllbilder. Zuerst zerknüllt man das Papier und kann dabei seine angestaute Energie „hineinknüllen“. Dann macht man es auf und kann z.B. die Linien nachfahren. Man kann die entstandenen Flächen anmalen. Ich lasse dann auch oft die Flächen mit Fingerfarben anmalen.
Man kann Gestalten darin sehen. Man kann ein eigenes Land daraus machen, die Linien nachfahren. Die Flächen können dann zu Stärken werden. So kann im Land eine Stadt „Ich kann gut schwimmen“ entstehen. Das kann man dann ins Positive weiterverarbeiten.
Das Offene Atelier
Mein Offenes Atelier steht den Kindern und Jugendlichen rein zum freien Malen und Gestalten zur Verfügung. So oft wurde angeklopft und gefragt, ob jeder hier Malen darf. Im Offenen Atelier zeige ich dann, dem wer möchte, viele Materialien und Techniken zum Kennenlernen. So dass auch ein theoretischer Input dabei ist. Sie können sich dann was aussuchen und am Tisch, an der Staffelei oder an der Mal-Wand malen. Meistens ist es so, dass viele überlegen müssen, was sie malen möchten. Manche Kinder wissen es von Beginn an. Mir ist das freie Malen wichtig, das selber bestimmen dürfen.
Im Atelier gibt es feste Regeln: Erstens, auf sich selbst zu achten. Das heißt auch, wie ich male, ist es richtig und okay. Zweitens, auf den anderen zu achten. Also, keiner kritisiert den anderen oder lacht ihn gar aus. Und drittens, auf das Material zu achten.
Für ein lustiges Gestalten im Miteinander und für eine gute Atmosphäre.






